Schluss mit „Augen zu und durch“

Ich bin in einem Fünfmäderlhaus aufgewachsen. Meine Eltern haben uns 4 Sisters sehr früh, zu sehr selbständigen und selbständig-denkenden Mädels erzogen, die alles erreichen können, was sie möchten. Eingepackt in diesem Selbstverständnis wurde ich groß und dachte niemals, dass es einen Unterschied machen könnte, dass ich ein Mädchen bin.

Nach der Matura, ab auf die Uni – was g’scheites lernen (naja, alles kann nicht klappen ;-)) – Studium, Wohnung, Reisen, alles mit eigenen Jobs finanziert. Tiptop, alles Bestens – läuft wie am Schnürchen. Das Leben ist ein Fest. Egal ob du xx oder xy bist.

Und dann, wurde ich 30!

Die männlich strukturierte Gesellschaftsrealität klatschte mir mit voller Wucht entgegen.
Doch nicht alles so Bestens, wie ich dachte!

Immer öfter passieren Dinge, die ich mir nicht mehr wirklich erklären kann. Dinge die irgendwie gar nichts mehr mit dem Selbstverständnis zu tun haben, mit dem ich erwachsen geworden bin.
Als Chefin mit einem hinzugezogenen männlichen Kollegen beim ersten Kundentermin – man streckt Ihm die Hand als erstes entgegen: „Aha, guten Tag, sie sind der Chef der Agentur?!“ _ „Nein! Julia ist Gründerin und Chefin!“

Aus der selben Liga: „Hallo, kann ich bitte den Chef der Agentur sprechen?“ „Ja, die ist dran, das bin ich!“ – betretendes „ach sooo.“
Immer öfter das Gefühl, deine Expertise, dein Wissen aus mehr als 15 Jahren Berufserfahrung in unterschiedlichen Bereichen ist nicht nur nicht gefragt, sondern du wirst nicht einmal wirklich gehört. Immer öfter das Gefühl, die männliche Kollegen nehmen dich gar nicht ernst.

Immer öfter von Freundinnen erzählt bekommen, dass du mit 35 trotz längerer Erfahrung und besserer Ausbildung einen männlichen Kollegen als Chef vor die Nase gesetzt bekommst. Du zweifelst ob es möglicherweise daran liegt, dass du, weil noch kinderlos, jederzeit ausfallen könntest!?

Immer öfter darüber nachgedacht was diese Reaktion bedeutet: „Hast du Kinder?“ _ „Nein“_“Willst du mal welche?“ _ „k.a. jetzt nicht.“ Und dann folgt ein sehr trauriges, bemittleidendes, den Blick nach unten gesenktes „Ach, des ist aber schade“ ___ Und du fühlst dich plötzlich irgendwie unvollständig, als wärst du weniger wert ___ und dann kommt noch ein Watschensatz hinterher „du machst lieber Karriere oder?!“ #whaaaaat??

Immer öfter bewusst merken, wenn du etwas mit Überzeugung kommunizierst – dir ungebetene Beschreibungen zu deinem anscheinenden Gefühlszustand unterstellt werden a là „wieso seid ihr Frauen immer gleich so zickig“ oder auch gerne – wenn du einfach sagst, du willst das nicht „brauchst nicht gleich beleidigt sein!“ – in dieser Kategorie gibt es 100 Beispiele

Wirklich noch schlimmer sind hingegen, missbilligende Zuschreibungen von Frauen gegenüber Frauen – wie zB.

KARRIEREFRAU!
#autsch!

Für diese Wort gibt es kein männliches Pendant und schon gar nicht, wurde es jemals gut gemeint! Streicht es aus eurem Wortschatz! Sofort!

Ich hätte gerne dieses Selbstverständnis aus meiner Jugend zurück – dass alles möglich ist, du alles kannst, es keinen Rolle spielt, welches Geschlecht du hast, es einfach ein gleichberechtigtes Leben ist und dann hätte ich gerne, dass es REALITÄT wäre. Ja, ich glaub‘ manchmal an den Osterhasen, das Christkind und an Elfen im Wald, immer noch, hab‘ ich mir sicherheitshalber aus meiner Kindheit behalten.


In der Zwischenzeit empfehle ich dieses Buch:

#No More BULLSHIT – Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten

#https://sorority.at/

 

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